Fraktus: Die Erfindung von Klangrevolte und Technoästhetik

Torsten, Dirk und Bernd, so hießen Helden wohl in den frühen 80ern.

In Zeiten, als Blixa Bargeld noch mit Trommel um den Baum flitzte, H.P. Baxxter noch Hans-Peter hieß und nicht annähernd wusste, was “wicked” überhaupt bedeutet, loteten diese drei Pioniere bereits die Grenzen des Hörbaren aus und erfanden Techno. Soweit die eigene Legende. Kultfiguren, die so verschroben jegliches Musikerklischee ausleben, dass sie nur erfunden sein können. Wer, wenn nicht Studio Braun, das Hamburger Trio infernale, könnte sich derart humorigen Mumpitz ausdenken? Längst sind sie vorbei, die Zeiten, in denen Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger noch durch Telefonstreiche auf sich aufmerksam machen mussten. Ihre überspitzte Fake-Doku “Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte” über eine fiktive Band, die einst Westbam das “Knowledge” einimpfte, ist durchweg ironisches Trashkino und für viele längst zum lustigsten Deutschen Spielfilm des vergangenen Jahres avanciert.

Was ist da konsequenter, als sein Alter Ego erneut überzustreifen und zu touren? Denn als Fraktus fühlen sie sich durch den Film, der unter dem Deckmantel einer seriösen Dokumentation entstand, bloßgestellt. Ähnlich wie Metallica nach “Some Kind of Monster” sehen sie sich nun als Tölpel, die sich in positiver Naivität dazu haben überreden lassen. Als Gegendarstellung zum Film, um Fraktus ins richtige Licht zu rücken, dafür ist nun die weiträumig ausverkaufte Tour geplant, die ebenso verbrüdern soll wie die Geschichte weiterspinnen. Studio Braun, der “Informationsbeschaffungsapparat für die Menschheit”, packt den Flötenfön aus und wird nicht müde, konsequent mit den Alternativpersönlichkeiten zu verschmelzen, sodass Schein und Sein sich nicht mehr klar trennen lassen. Nun heißt es, aus einer imaginären Musikerkarriere eine wahrhaftige zu zaubern. Alex Christensen hat auf allen Konzerten übrigens Hausverbot.

Advertisements

Lubomyr Melnyk im .HBC

DSC_0054

Mit Virtuosität ist das immer so eine Sache. Bei Rockmusik und Metal ist der virtuose Saitenhexer noch immer der Heiland schlechthin. Bewegt man sich jedoch in „ernstere“ Gefilde, in den Dunstkreis des verklärten Nimbus sogenannter „Klassischer Musik“™, wird Virtuosität schnell zum Makel. Denn was sagt Virtuosität aus, außer ein hohes Maß an technischem Können, spielerischer Brillanz zu besitzen? Kompositorisch? Musikalisch? Kaum etwas bis nichts!

Daher blieb ich erst einmal skeptisch, als ich mich ins .HBC aufmachte, um Lubomyr Melnyk zu sehen, jenen kanadischen Komponisten und Pionier der ‚Continuous Music‘, der für nicht wenige mal eben als der Franz Liszt dieser Tage gilt. Das roch zu sehr nach Geniekultästhetik, höherer metaphysischer Schaffenskraft und jeder Menge Budenzauber-Hokuspokus.

Continuous Piano Music, was ist das eigentlich? Genau genommen eine Spieltechnik, die sowohl Schnelligkeit als auch das Zusammenspiel von Obertönen in den Fokus setzt. Gut, das tun andere auch. Meist geht dies jedoch einher mit einem gewissen minimalistischen Anspruch, um den Obertönen bewusst nachzulauschen. Hier jedoch Cluster, Glissandi, viel technisches Gedöns, um dank gelöstem Fortepedal am Instrument ein Gewaber an Sound zu kreieren, fern von üblich klaren Klavierstücken. Für einen kurzen Moment eine sehr spannende Angelegenheit, die jedoch zunehmend verblasst, je länger sich ein Konzert ausnimmt. Daher gilt mein Dank auch Melnyk selbst, der eröffnete, nur in den Sphären schwebender Techniker zu sein, da die für die Continuous Music gedachten Kompositionen an sich wenig gehaltvoll seien. Und soviel Einsicht verdient Respekt.

Nikolausparty mit MC Fitti im Lido

Master of schlechts Aussehen und LoFi-Reimemeisterei:
M-to-the-C-to-the-F-I-double-T-I

„Was bitte ist Neptunes und Timbaland?“ fragt das bärtige Posaunengesicht im rosa Neonsakko auf der Bühne des ausverkauften Saals. MC Fitti, der Antikunst-Reimemeister mit Massappeal vom Ostkreuz, der trotz absolutem Hipsterstatus so gekonnt jeden Hipster disst, dass sich das anwesende Publikum im Lido ironischerweise aus Vintage-Hatern und -Toys gleichsam zusammensetzt.

„Ich hab die besten Apps, Du nur deine iPhone-Raps.“ knüpft die lebende Gesichtsmatratze an, während drei Damen in rosa Flamingokostümen Konfetti werfen und zig Arme im Publikum die Szenerie via iPhone in schlechte Bilder einzufangen suchen. Fittis Nikolausparty, nur echt mit DJ Katzenmaske und Vokalmatador als MC-Backup, Konfetti-Bazooka und jeder Menge Geschenke, die die ersten Reihen zu einer raffgierigen Meute mutieren ließ.

Was macht MC Fitti so interessant wie erfolgreich? Er ist das neue Ehrlich: den Hype und Konsum mitzumachen, ihn jedoch so stark zu überzeichnen, dass man gleichzeitig jeden Undercut- und Jutebeutelträger verarscht. Dieses gewitzte Je ne sais quoi hat hier, an diesem Abend, seinen Heiland gefunden. Wie gut, dass auch dieser ein Handwerker ist, einen Vollbart trägt und neben Adidas-Giveaways Brot und Bananen unter das Volk schmeißt. „Erst, wenn ihr merkt, dass ihr Douchebag-T-Shirts nicht essen könnt, werdet ihr anfangen, das Baguette bereitwillig zu brechen.“ Hört, hört. Gesellschaftskritik 2.0.

In Zeiten, in denen es ein Geniestreich ist, wie Rocko Schamoni Scheiße zu Edelschmuck zu vergolden, ist 80er-Recycling von Formel Eins-Retrolook bis hin zur Sonny Crockett-Anhimmlung konsequent und der Weg allen Seins. Wenn es je eine Inkarnation für adäquates Großstadtheldentum gab, die auf Matze Schweighöfers falsches wie nervtötendes Überberlinern ebenso verzichtet wie darauf, sich aus dem Kleiderschrank von Culture Club zu bedienen, dann zeigt MC Fitti zu Recht mit beiden Daumen auf sich. Berliner Lifestyle gibt’s nicht im i-Store. Berliner Lässigkeit, die hat man einfach! Eben Cowboykaffee statt Latte!

In diesem Sinne: „Macht die Winkekatze!“, „Erste Reihe Hunderennen, ganz heißes Pflaster.“, „Ziggy ziggy tanzi tanzi!“