Nikolausparty mit MC Fitti im Lido

Master of schlechts Aussehen und LoFi-Reimemeisterei:
M-to-the-C-to-the-F-I-double-T-I

„Was bitte ist Neptunes und Timbaland?“ fragt das bärtige Posaunengesicht im rosa Neonsakko auf der Bühne des ausverkauften Saals. MC Fitti, der Antikunst-Reimemeister mit Massappeal vom Ostkreuz, der trotz absolutem Hipsterstatus so gekonnt jeden Hipster disst, dass sich das anwesende Publikum im Lido ironischerweise aus Vintage-Hatern und -Toys gleichsam zusammensetzt.

„Ich hab die besten Apps, Du nur deine iPhone-Raps.“ knüpft die lebende Gesichtsmatratze an, während drei Damen in rosa Flamingokostümen Konfetti werfen und zig Arme im Publikum die Szenerie via iPhone in schlechte Bilder einzufangen suchen. Fittis Nikolausparty, nur echt mit DJ Katzenmaske und Vokalmatador als MC-Backup, Konfetti-Bazooka und jeder Menge Geschenke, die die ersten Reihen zu einer raffgierigen Meute mutieren ließ.

Was macht MC Fitti so interessant wie erfolgreich? Er ist das neue Ehrlich: den Hype und Konsum mitzumachen, ihn jedoch so stark zu überzeichnen, dass man gleichzeitig jeden Undercut- und Jutebeutelträger verarscht. Dieses gewitzte Je ne sais quoi hat hier, an diesem Abend, seinen Heiland gefunden. Wie gut, dass auch dieser ein Handwerker ist, einen Vollbart trägt und neben Adidas-Giveaways Brot und Bananen unter das Volk schmeißt. „Erst, wenn ihr merkt, dass ihr Douchebag-T-Shirts nicht essen könnt, werdet ihr anfangen, das Baguette bereitwillig zu brechen.“ Hört, hört. Gesellschaftskritik 2.0.

In Zeiten, in denen es ein Geniestreich ist, wie Rocko Schamoni Scheiße zu Edelschmuck zu vergolden, ist 80er-Recycling von Formel Eins-Retrolook bis hin zur Sonny Crockett-Anhimmlung konsequent und der Weg allen Seins. Wenn es je eine Inkarnation für adäquates Großstadtheldentum gab, die auf Matze Schweighöfers falsches wie nervtötendes Überberlinern ebenso verzichtet wie darauf, sich aus dem Kleiderschrank von Culture Club zu bedienen, dann zeigt MC Fitti zu Recht mit beiden Daumen auf sich. Berliner Lifestyle gibt’s nicht im i-Store. Berliner Lässigkeit, die hat man einfach! Eben Cowboykaffee statt Latte!

In diesem Sinne: „Macht die Winkekatze!“, „Erste Reihe Hunderennen, ganz heißes Pflaster.“, „Ziggy ziggy tanzi tanzi!“

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Sivert Høyem

Die Zeiten von MADRUGADA sind schon ein paar Jahre vorbei. Nach dem Tod ihres Gitarristen Robert Burås lösten sich die Norweger 2008 alsbald auf und es wurde ruhig um sie. Irgendwie sind sie auch vorher schon an mir halbwegs vorbeigegangen mit ihrem oft düsteren Indierock. Shame on me also! So war ich auch erst einmal neugierig, was es mit Sivert Høyem (Sänger v. Madrugada) auf sich hat. Solotour im Heimathafen? Klang erst einmal gut. Konzert im Sitzen? Skepsis. Kann das funktionieren, bei allem, was man von Madrugada so erwarten würde? Høyem bewies: Ja, es geht. Zwischen Surf und Songwriter, Crooner und Alternative Rock bestach Høyem vorallem mit seiner enormen Bühnenpräsenz und erfüllte, sichtlich gut gelaunt, Abend und Erwartungen über das Maß hinaus. Hier und hier geht’s zusätzlich noch zur Filmdoku der aktuellen „Autumn in Arcadia“-Solotour.

Are you Punk, Danko Jones?

Danko Jones im ausverkauften Postbahnhof (01.11.2012)

DANKO JONES ist ja eine sichere Bank, wenn man auf klischeebeladenen Hardrock steht, aber auch nicht alte Opas mit peinlicher Poserattitüde gerontologisch über die Bühne schlurfen sehen möchte. Man bekommt, was man wünscht. Dicke-Eier-Sprüche an der Perlenschnur aufgereiht und Mitnickhymnen von einem eingespielten Powertrio, thematisch breit gefächert von Sex bis „Boah, bin ich n geiler Typ!“. Wieder einmal ist das Problem dieser wie jeder Hardrockinstanz jedoch der Zwiespalt zwischen Modernisierung oder Stagnation. Sagen wir, wie es ist: Die neue Platte „Rock and Roll is Black and Blue“ ist absoluter Mist! Vergänglicher stadiontauglicher Poserrock, der inzwischen schon so austauschbar wie chartschielend ist, dass man sich unweigerlich fragt, ob olle Danko nicht zuviel Puddle of Mudd und Billy Talent eingeatmet hat.

Vor Jahren sagte er mal, „First Date“ sei die einzige obligatorische Anbiederung an den Markt gewesen, weil man endlich einmal einen Hit in den Charts und damit – *Bling Bling* – etwas Kohle einfahren wollte. Natürlich ohne seine fein gepflegte Street Credibility aus den Augen zu verlieren, klar. Davon spürt man heute nicht mehr viel.

Soviel sei gesagt, das Konzert war in jedem Falle ausverkauft, wie die restlichen Tourdaten in Deutschland ebenso. Die Fanbase scheint also noch zu stimmen. Doch ist es noch Punk oder Rock’n’Roll, an einem Donnerstag um neun Uhr zu spielen? Hat das nicht endgültig etwas von After-Work-Partyattitüde? So richtig sicher schien auch Selbstinszenierungsheinz vom Dienst, Danko Jones, dann nicht und fragte das donnerstägliche Publikum „Are you Punk?“. Nach den ersten Tönen vom neuen Album wollte man da kokett zurückfragen „Ja, bei mir bin ich da halbwegs sicher! Wie sieht’s da bei Dir aus?“

Als wäre die Band sich dessen bewusst, verlagerte sie sich schnell darauf, die einstigen Gassenhauer „Cadillac„, „Forget my Name„, „Code of the Road“ oder „Samuel Sin“ zu spielen, was der statischen Stimmung dann etwas Auftrieb verlieh. Garniert mit allerlei Wortgefechten von Rampensau Danko mit seinen Fans – da wurde nahtlos zwischen Hämorrhoidenwitzen und aufgesetzter Rockerüberheblichkeit gewechselt – verlief der Abend doch noch, wie erhofft und gewohnt.

Fragen, die blieben und sich auch heute noch aufwerfen:

Wie sehr Punkrock ist es noch, wenn zig Fanhände via großformatigem Smartphone die Rockstimmung in HD einzufangen suchen?

Hat das nicht endgültig etwas von Laptoprock und Businesspunk deluxe? Unweigerlich sage ich „Ja“, wenn der Konzertabschluss die große Spreu traurig vom wenigen Weizen zu trennen wusste. Wie das geht? Ganz einfach. Spiele als versierte Band wahllosBreaking the Law (Judas Priest), Iron Man (Black Sabbath) oder das Schlagzeuglick aus Song for the Dead (Queens of the Stone Age) und gucke, wer’s erkennt. Zähle die dahingeschiedenen „Greats of Rock“ auf und erkenne, dass nur bei Johnny Cash plötzlich Jubelstürme ausbrechen, weil keiner weiß, wer denn dieser John Lord oder Adam MCA Yauch war. Traurig, aber auch aussagekräftig.