Opeth im Huxley`s

Akzeptanz nach Genresprengung?

Knapp drei Monate nach der Veröffentlichung ihres nunmehr 10. Studioalbums Heritage kamen die Schweden um Mastermind Mikael Åkerfeldt ins Neuköllner Huxley`s Neue Welt, um ihren musikalischen Gradwandel an Meute und Ohr zu tragen. Sicherlich teilweise verstörend, zeugte Heritage bereits vorab für geteilte Lager und für einen Stimmungswechsel der Band, hin zur Langsamkeit, zu abgespeckten Garagensound-Gitarrenklängen anstatt fein gekünstelten Schrankwänden des verzerrten Saitentons.

Die Brachialität, mit der OPETH früher agierten, Åkerfeldts Growls und harmonisierter kraftvoller Edelstahl sind einem Anspruch gewichen, sich nach allzu langer Betonung ihrer Death Metal-Wurzeln mehr dem Progressive Rock-Einfluss zu zuwenden. Åkerfeldt bewies bereits zu Beginn des Konzerts, nicht nur Saiterhexer, sondern auch Publikumsarrangeur zu sein und belustigte die Anwesenden mit einzelnen Anekdoten.

I hope you`re enjoying the show. Otherwise: There`re snipers in this room. Come on guys: Who downloaded our albums? (vereinzelt wandern Hände in die Luft) SNIPERS!!!

Die teils lang gezogenen leisen Passagen und Akustikmomente teilten schnell Spreu vom Weizen, den eingefleischten Opeth-Anhänger vom Wochenendmetaller. Wer nicht begreifen wollte, dass Opeth nicht nur Ghost Reveries und Deliverance, sondern eben auch Damnation oder Watershed sind, für den blieb an diesem Abend nur der gelangweilt überforderte Gang zur Bar, um der progressiven Ausartung standzuhalten. Åkerfeldt wusste diese Spannung durch falsche Erwartungshaltung dann auch immer wieder auszureizen. Sei es, indem er seinem Drummer Martin Axenrot ein 10-minütiges Schlagzeugsolo zugestand, sei es, dass die Musiker im kompletten Ausschöpfen von Rockgrandezza, um die Unruhe zu verstärken, Augenblicke lang in ruhender Pose eine Zäsur erzeugten, während der man die Luft hätte schneiden können. Das war gekonnt, wenn auch – zugegeben – belastend. Åkerfeldt machte jedoch keinen Hehl daraus, dies sichtlich zu genießen und streute bereitwillig immer neuere Anekdoten ein. Ob er nun berichtete, wie ihn ein italienischer Hardcore-Fan bat, doch von dessen Brot abzubeißen, nur um es ihm danach als Trophäe dankbar wieder zu entreißen, ob er gestand, dass er eigentlich früher gern ein Cockrocker á la WHITESNAKE oder POISON geworden wäre, oder seine musikalische Sozialisation mit dem Publikum teilte:

I was the lovechild of Klaus Meine and Udo Dirkschneider. I grew up to the music of The Scorpions, Judas Priest, Accept, Iron Maiden, Yngwie Malmsteen, Whitesnake, Europe. Do you like Europe? No? Then fuck you! You know, if we would close this room and you all`ll get really hammered and we would turn on „The Final Countdown“: You`ll say, you`d not all sing to that shit?

Das brachte Sympathiepunkte und half wohl auch vielen an diesem Abend über einzelne Durststrecken hinweg. Durch einzelne Auszüge aus My Arms, Your Hearse waren zwar Ausflüge in die Frühphase der Band vertreten, doch davon abgesehen, bewegte sich das Repertoire weitestgehend fern des Death-Metal von Still Life („Face of Melinda“) über Watershed („Porcelain Heart“) zu reichhaltiger Darbietung des neuesten Schlages Heritage. Nach einer verhaltenen Zugabe, in der die Rufe nach „Ghost of Perdition“ oder „Deliverance“ weiterhin konsequent überhört blieben und sich weitere Ulkereien mit und über den langjährigen Bassisten Martin Mendez anschlossen,

This guy in the left corner, Mr. Mendezzzzzzzzzzzzz got the patent for: … (lange Kunstpause) patatas friiiiiiiiitas.

gelangte der Abend mit dem Dio-Tribut „Slither“ und der einzigen Zugabe zu einem jähen Ende. Das Konzert war dann, wie bereits erahnt, ein klarer Stimmungswechsel im Metalpublikum. Åkerfeldt hatte vorab in Interviews bereits angekündigt, sich langsam vom alten Sound Opeths zu trennen, nun erfolgte die konsequente Umsetzung. Zwar bleibt zu sagen, dass Opeth einfach eine grandiose Band sind, vielseitig, spielerisch wie in der Bühnenperformance äußerst versiert. Dennoch kann auch ich nicht verhehlen, dass ich mir einen abschließenden Kracher wie „Ghost of Perdition“ oder „Reverie/Harlequin Forest“ gewünscht hätte.

Bereits 2010 hatte Åkerfeldt klare Worte für derartiges Naserümpfen gefunden, als die Band für das Playstation-Game God of War 2 den Akustik-Song „The Throat of Winter“ beigesteuert hatte, der nach Meinung vieler Fans scheinbar nicht ins Konzept Opeths zu passen schien.

It’s quite clear to me that some have yet to understand what this band is about. Some say the song doesn’t ”fit” the game, as if we’d ever, in our career, been interested in fitting in. Sorry! I was asked to write an Opeth song, and that’s what I did. Couldn’t care less if we fit in or not.

Glaubwürdig war der Auftritt, vielleicht auch gerade aufgrund dieser harten Konsequenz. Dennoch bleibt im Herzen die Kritik, dass die Jungs sich keinen Zacken aus der Gniedelkrone gebrochen hätten, wenigstens einer Traditionserwartung gerecht zu werden und den tonalen Wechsel auch nicht zu ernst zu nehmen.

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