Opeths „Heritage“ in der Analyse

Schon die der Septemberausgabe der ROCK HARD beigelegte Opeth CD, die neben dem neuen Track „The Devil`s Orchard“ auch einzelne Stücke des Live-Auftritts auf dem Rock Hard-Festival 2009 enthält, stellt klar, dass Opeth weg möchten vom klinisch brillanten Sound vergangener Tage. Was Mastermind Mikael Akerfeldt dann auch im Studio-Interview mit ROCK HARD klarzustellen versucht:

„I`m interested in earthy music now. Music that`s played by musicians who care and musicians that can be heard a little bit. You know, metal records these days, I think, are so over the top in terms of production that you barely hear it`s humans playing. And in most cases it`s not really humans playing anyways. It`s all been quantized and exchanged, triggered and re-amped and everything, so this […] It`s more of a producers record than the bands […] Seems like many bands are slaves to the equipment they use, which we wanted to come away from a little bit.“

Das klingt aus dem Munde eines derartigen Perfektionisten und Equipmentfans zunächst unglaubwürdig. Doch hören wir mal rein.

Namensgebendes „Heritage“ ist dann auch ein klassisches Pianostück. Man merkt, dass mit Joakim Svalberg – vormals unter anderem bei YNGWIE MALMSTEEN´S RISING FORCE an den Tasten tätig – ein guter Keyboarder-Ersatz für Per Wiberg gefunden wurde, der des Tourens wohl überdrüssig zu werden schien. Noch proggiger kann man den Einstieg nicht wagen, um die Rückbesinnung an alte klare Lauschgewohnheiten einzuläuten. „The Devil`s Orchard“, wie erwähnt bereits auf der ROCK HARD-Sonder-CD in der Septemberausgabe enthalten, zeugte schon Anfang des Monats von einer deutlichen Veränderung im ursprünglichen Klang. Während frühere Songs und Alben, die noch klarer dem Death-Prog verschrieben waren, leicht gekünstelt mit Studioperfektion glänzten, zeigt der erste Vorgeschmack bereits: das Klinische ist vorüber, die 70er leben. Deutlich bassorientierter, an Schub herausgenommen und allgemein abgespeckter kommen die Jungs inzwischen zurande, ohne großartig viel Studio-Firlefanz. Was unter anderem auch daran liegen mag, dass man die Retro-Prämisse bis zur Studiowahl konsequent durchgehalten hat. Auf das Atlantis Studio in Stockholm ist Akerfeldts Wahl gefallen, das sich, dank analoger Vintage-Mischpulte bis ins Equipment hinein, bewusst das breite 70er-Jahre-Spektrum (ABBA produzierten u.a. hier) auf die Fahne geschrieben hat und ihm treugeblieben ist.

Ritchie Blackmore, einst Gründungsmitglied von DEEP PURPLE und RAINBOW, wäre sicher entzückt, wenn er Stücke wie „I Feel the Dark“ hören würde. Inzwischen mit BLACKMORE`S NIGHT auf den Pfaden der Puffärmel-Knickebocker-Medieval-Spielleutefraktion, weiß auch der Altmeister an den Prog-Saiten noch um so manchen Lautenzauber. Da dürfte Akerfeldts arpeggiierte Akustiknummern voll ins Herz treffen. „Slither“, nicht zu verwechseln mit gleichnamigem Schweinerock-Song von VELVET REVOLVER, ist dann wiederum als eine Art Break und retardierendes Moment gedacht, treibend nach vorn, jedoch anders als früheres Material aus dem Hause Opeth. Während vormals noch klischeehaft der mythologische Ritt mit dem Schwert durch den Wald suggeriert werden konnte, ist Nummer 4 des neuen Albums derart klar am Hardrock orientiert, dass selbst Lemmy die Warze nix zu meckern hätte.*

Ungleich geschlossener wirkt Heritage dann auch insgesamt. Zwar geht man nicht den ganzen Schritt, eine 1-Track-Platte zu produzieren. Auf Radiotauglichkeit kommt es schließlich weiterhin nicht an. Jedoch wirkt die Scheibe insgesamt dennoch runder und ausgeglichener, fast jamsessionhaft. Dröhnender Bass, alles mittiger, ein Drummer, der seine Hi-Hats und Becken liebt, nichts knackig Tightes, sondern alles vielmehr zart und behutsam verspielt und jazzig bearbeitend. Bleibt also zu sagen: Akerfeldt ist hier wieder einmal eine Neu-Besinnung seiner Band geglückt. Musiker, die Songs einwecken und neu etikettieren und das auch noch als „Sich treu bleiben“ zu verkaufen wissen, gibt`s wie Sand am Meer. Szenenokkupierungen und -besitzanspüche waren Akerfeldt dankenswerterweise bislang weitestgehend schnurz, somit wird er auch Kritiker des weiterentwickelten Opeth-Konzepts dankbar ignorieren. Recht so!

* (Nach Erscheinungstag wird es um so deutlicher, da „Slither“ laut eigener Aussage als eine Art Tribute an Ronnie James Dio erinnern soll.)

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