Hochgejazzte Belanglosigkeit

Oh, Mann. Wenn sich alteingesessene Musiker aufschwingen, um zu verkünden, dass das nächste Album DAS Ding überhaupt wird – nicht nur im eigenen Gradmaß, sondern musikweltbereichernde Überklasse mit universellem Kunstanspruch – , dann straft das Endergebnis nicht nur schnell Lügen: der Urheber verkommt meist zur Karikatur seines Ausspruchs selbst.

LOU REED, bekanntlich ja nicht grad sparsam mit Eigenlob, tat diesen „bescheidenen“ Ausspruch dann auch in Bezug auf seine Kollaboration mit METALLICA.

„It’s maybe the best thing done by anyone, ever. It could create another planetary system. I’m not joking, and I’m not being egotistical.“

Ganz Kunstanspruch wird dann auch klotzend das richtig dicke Brett angebohrt, namentlich Frank Wedekinds Dramen Erdgeist und Die Büchse der Pandora, die bereits den Komponisten der Zweiten Wiener Schule, Alban Berg, zur Oper Lulu inspirierten. Grund genug für den Alt-Meister des samtenen Untergrunds, mit ebensolcher Anspruchshaltung den virtuosen Rundumschlag anzukündigen. So weit, so gut? Doch wieviel Aha-Effekt bleibt, wenn das Album bzw. erste Hörproben angeboten werden?
Nicht viel bzw. ärgerlich wenig.

Kurzum, wenn der Song „Lulu“ aussagekräftig über das Album Lulu ist, bleibt der bittere Beigeschmack, dass man auch wirklich jede fade Belanglosigkeit zur Kunst hochjazzen kann, wenn nur der Name stimmt. LOU REED als Spoken Word-Storyteller im Stile der American Recordings a la Johnny Cash mag da noch verzeihbar, wenn auch nicht wegweisend neu sein. METALLICAs seit Jahren im ewig langweiligen Pauschal-Riffage gefangener Stil, der der eigenen Größe hinterherpoltert, ist dagegen schon fast ärgerlich.

Update:

Pünktlich zu Halloween ist es nun amtlich: ein Album, das nötig wie ein Loch im Kopf ist und künstlerisch anspruchsvoll wie Kronkorkensammeln, hat das Licht der Welt erblickt. Dabei ist festzuhalten, dass die Kollaboration von REED und METALLICA klingt wie: REED und METALLICA.

Weiterhin nach der Ursprungsband zu klingen, mag nicht grundlegend eine schlechte Charaktereigenschaft sein, was Erstlingswerke von Supergroups wie Audioslave beweisen.  Lulu jedoch ist die Krönung des musikalischen Sockenschusses und weiteres definitorisches Icon unter der Rubrik: Dinge, die die Welt nicht braucht. Wie fasste es Steen Lorenzen auf Radio Eins zusammen?:

„Kontrollfreaks proben den Kontrollverlust. Zwischen frei und Metalbrei.“

Besser kann es nicht zusammengefasst werden. LOU REED, der sich nicht abfinden kann, dem eigenen Kunstanspruch selbst nicht mehr gerecht werden zu können, es jedoch leicht wegsteckt als „Ihr versteht mich einfach nur nicht.“. Und METALLICA, die im Glanze des eigenen Metalgigantenstatus` die eigene kreative Leere beklatschen. Zu gewollt und nicht gekonnte Verkopfheit, der man das Zwangskonzept und die misslungene Selbstbefreiung anhört.

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Mastodons „The Hunter“ vorab im Stream

Scheint ein guter Herbst zu werden. Erst die Schwedengniedler OPETH, nun legen auch die progressiven Sludgemetaller MASTODON nach und kredenzen der begierigen Masse den Nachfolger zu Crack the Skye (kaum zu glauben, dass das schon wieder zwei Jahre her ist). Im dankbaren Zeitalter der Prelistening-Streams gibt`s The Hunter als audiovisuellen Einstieg schon eine Woche vor Release, denn offizieller Erscheinungstermin ist erst der 27. September.

Auf Tauchstation mit den Jacques Cousteaus des Psychedelic Doom

THE BEAUTY OF DROWNINGs gleichnamiges Debüt ist ein Album, das lange bei mir herumlag und gärte. Es erschliesst sich nicht gleich, sondern verlangte erst mein bewusstes Ohr und Bereitwilligkeit, es durchzuhören. Denn laut erstem Eindruck hätte das alles sein können. Und während ich noch grübelte, was denn am Ertrinken so schön sein kann, dass man bereitwillig seine Band wie den ersten Silberling so nennt, war ich auch schon – Aha! – mittendrin im Sog. Müsste ich die Scheibe der Kölner jetzt mit einem Wort beschreibend zusammenfassen, würde ich wohl auch passend sagen: Tiefe!

In seiner hypnotischen wie düsteren Hinsicht gräbt das Powertrio einen Brunnen, der mit seinen geschichteten Kaskaden bis hinab ans Grundwasser des Postrock dringt und allerlei elektronisches Equipment im Gepäck birgt, um dann noch weiter in psychedelischen Doommetal abzutauchen. Während die Stimme von Sänger Daniel La China mich als Hörer behutsam wie eine Meduse ins Dunkle hinablockt, beißen dort angekommen die Growls von Shouter Jan Liesefeld mir noch klanglich Benommenem überraschend brachial den Kopf ab. Faszinierende Platte, der der Extra-Monat Sonne auf meinem Plattenstapel erst die Patina einer guten Entdeckung eingegärbt hat.

Als Schmankerl für Neugierige auch noch kostenlos auf Dedicated Records als Download erhältlich.