Album des Monats: „Hisingen Blues“ von Graveyard

Zugegeben, ich war zuerst hin- und hergerissen, mir das Album der Schweden überhaupt anzuhören. In Zeiten, in denen Bands gern großzügig mit der Rock-Patina herumdoktoren, um den einstigen Granden des Rockgottschreins nachzueifern, bleibe ich inzwischen leicht grantelnd reserviert. Viel zu schnell geht mein Gedanke da in die Richtung des Unworts „Vintage“, dass allzu willfährig und weichzeichnend bei mir synonym für „Retorten-Retro“ steht. Vielleicht ist das hart. Die Zeit dreht sich schließlich weiter und kaum einer will per Namedropping immernoch an den Rockopas von einst gemessen werden. Für das Vorstellungsvermögen mag das sicherlich immer wieder hilfreich sein. Oft wird so ein Vergleich jedoch zum Schraubstock, der neuen Bands allzu leicht die bereits verdienten Sporen abknapst. Okay, bei Bands wie Wolfmother oder Airbourne, die so augenscheinlich den Stil von Led Zeppelin bzw. AC/DC eins zu eins mopsen, um ihn neu zu verkork(s)en, frage ich mich dann aber auch: Wenn ich Zeppelin hören will, hör` ich dann nicht einfach Zeppelin? Ich habe nichts gegen Soundrevivals. Immer nur her mit dem guten alten Garagensound, der glatten Brillanz entgegen gepfeffert. Aber ein eigener Ansatz sollte doch schon vorhanden sein, oder?

Die Göteborger GRAVEYARD graben aber nicht nur alte Gebeine aus, um ihnen posthum wieder Leben einzuhauchen. Nein, sie schaffen es, den progressiven Sound der 70er ins Hier und Jetzt zu retten, ohne dass der Staub rieselt. Die Schweden zwirbeln dafür seit 2006 Hard Rock, Blues Rock und Psychedelic Rock zusammen und würzen alles mit einer Prise Heavy Metal. Das Ungetüm, was sie erwecken, steht kräftig auf zwei Beinen und ist weit mehr als ein Homunculus aus alten Traditionen und Tönen. Vielmehr schreitet dank der Jungs ein Klang durch die Hallen, der zwar die Düsternis von Black Sabbath, den R&B-Ansatz von Cream oder den frühen Led Zeppelin mit Anti-Folk-Attitüde à la Arbouretum und den Schweineorgeltönen von Iron Butterfly koppelt (soviel zum Namedropping, haha ;)), aber erstens dankbar ohne deren langweilende Gitarrenfickereien auskommt und zweitens in puncto Songwriting schlicht, frisch und verspielt zugleich bleibt. Geht nicht? Aber sischer dat!

„Wasting Light“ im Stream

Zugegeben, ich bin ein Freund von Vorab-Snippets. Wenn Bands einen dubiosen Hauch von Rätselhaftigkeit um sich erschaffen, indem sie hin und wieder vor der eigentlichen Veröffentlichung des Albums einen Song oder auch nur kleine Schnipselchen davon ins Netz stellen, ich bin dabei und klicke hungrig. Das Interesse ist da, der Fan fühlt sich gut aufgehoben, „Hier, voll exklusiv! Haste was zur Überbrückung der Wartezeit!“. Aber bereitwillig eine Woche vor Release das komplette Album bei Soundcloud reinstellen? Dass der Durchschnittshörer noch Wert auf guten Sound legt und von der mp3 weg hin zum haptischen Produkt wechselt, ich weiß nicht. Klar wird heutzutage die Knete mit den Auftritten verdient, aber muss man gleich selbst den Verkauf derart ausbremsen? Vielleicht liege ich auch falsch und das Ding verkauft sich trotzdem oder gerade deswegen wie geschnitten Brot, zumal der Buy-Button ja auch stets daneben prangt. Aber der alte Überraschungeffekt vom „Kauf Dir das Album, trag es heim und dreh die Anlage auf!“ ist weg. Dank Download-Helpern kursieren zudem jetzt schon jede Menge Kopien im Netz. Als alter Artwork-Fan, der noch gern im Booklet blättert, werde ich mir zwar auf jeden Fall eine Kopie sichern. Fraglich bleibt mir bei solchen Aktionen dennoch: Wie viele noch?

(Um die Widersprüchlichkeit meines Abgesangs zu komplettieren: Hier geht`s zum Stream. 🙂 )

p.s. André Bosse hat dieses Manko des heutigen Musikmarktes im neuen VISIONS-Magazin (4/2011, S. 35) einmal treffend auf den Punkt gebracht, weshalb ich mir hier erlaube, ihn reichhaltig zu zitieren.

„Die deutsche Sprache kennt für die Veröffentlichung eines Tonträger ein wunderbares Wort: Eine Platte erscheint. Sie kommt nicht nur raus, wie im Englischen. Sie erscheint. Ist im besten Sinne eine Erscheinung. Klingt gut. Doch der Vokabel gerecht werden Alben heute nur noch äußerst selten, denn statt ihre neuen Lieder tatsächlich erscheinen zu lassen, orientieren sich Musiker, Manager und Plattenfirmen allzu häufig an mittelmäßigen Italienern: Kaum sitzt der Gast am Tisch, gibt es salziges Brot und kaum streichfähige Kräuterbutter für lau. Der Gast futtert klaglos und verdirbt sich den Appetit für die Köstlichkeiten, die da noch kommen mögen. Analog dazu hauen Musiker, sobald das neue Album fertig ist, einen, manchmal zwei Umsonst-und-vorab-Downloads in meist lausiger Klangqualität raus.  Der Hörer lädt klaglos herunter und verdirbt sich den Appetit für das Album, das da noch kommen mag. Einige Wochen später kommt dann die Platte, die zu allem Überfluss einige Halunken längst auf ihrer Festplatte herumlungern haben oder über die schon so viele Meinungen kundgetan wurden, dass man keine Lust mehr hat, eine eigene zu entwickeln. Wer später schließlich im Laden, Mailorderkatalog oder Online-Store das Album bestell- oder mitnehmbar vor sich hat, glaubt nicht an eine Erscheinung, sondern an ein vorgekautes Produkt. Selbst neue Platten sind heute oft nur Mikrowellenfutter. Eingetupperte Köstlichkeiten. Solche Platten kommen letztlich raus, als quetsche man sie aus einer bereits angeditschten Tube.“