Styles & Skills im Kesselhaus

Das Plus am Rezi-Job ist ja, sich im stillen Kämmerlein mit Sidekick Roy zu treffen, um sich beflissen der kritischen Fragmentierung und dem Musik-Nazitum hinzugeben, nach dem Motto: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten in den Orkus wandern zu lassen. Ganz unaufgeregt und un-eventcharaktermäßig. Nach neuerlichem Anruf fragte ich mich dann deshalb auch: „Ich als Jurymitglied? Quasi als die neue Mareike Amado, eben noch in der Zauberkugel, jetzt schon auf der Showbühne. Funktioniert das?“. Christoph Schrag – Moderator von Fritz Unsigned – hatte da scheinbar keine Bedenken und fragte: „Ey, haste Bock, bei Styles & Skills mitzumachen?“ Klar hatte ich. Jut, außerdem ja auch die Gelegenheit, um mal Joachim Litty, den Leiter der Landesmusikakademie Berlin, kennenzulernen. Nebenbei konnte man dann auch mit Schrag, Ronald Radeke, ebenfalls Fritz (Nightflight),  Falk-Arne Goßler von The Love Bülow (Newcomer des Jahres 2010), und Markus „Onkel“ Lingner (Schlagzeuger bei den Ohrbooten) abhängen und kritisch gucken, um hinwegzutäuschen, dass wir vorrangig das Freibier genießen würden. Is schon ein Kreuz, diese Kritikerkaste, richtig „harte“ Maloche das! Also nicht gezögert und flux zugesagt.

Freitag im Kesselhaus gings dann ans Eingemachte. Vier Bands, angetreten, um im Widerstreit um unsere Gunst und die des Publikums zu buhlen und jede Menge Preise abzusahnen. Für den Gewinner sollte neben üblichem Equipment-Schnurkes dann sogar eine Aufnahme im SAE Studio Berlin rausspringen sowie eine gesicherte Teilnahme am bundesweiten Local Heroes Bandcontest. Da lohnte sich das Holzen.

Backstage offenbarte sich dann erstmal wahres Leiden für die Sache. Klo-Flair im Konzentrat als weitere Bewährungsprobe für die ohnehin schon hibbligen Teilnehmer. Bei diesem Oevre ein müdes Lächeln herauszuzaubern, zeugte von straightem Fokussieren. Wenn der Bassgriff davon nicht weich wird, sondern einen Hauch von Rock’n’Roll-Patina in Zupfbesen wie Brettmeister beizt, ja dann bist Du angekommen im Land der rockenden Abgeklärtheit. Styles & Skills-Hood halt. Im Äther liefen die Stone Temple Pilots, der Saal allerdings war halb gefüllt von Jimmy Blue Ochsenknechts und Justin Bieber-Zwergennachwuchs. Der Generationsschluss schien dennoch geglückt. Rock, das Schmiermittel.

TOXIC COFFEE machten den Anfang. Mit einer obligatorischen Schwabenkritik gegen all die Laptop-Esotheriker dieser Stadt wurde prompt Metropol-Stimmung erzeugt. Das war auch nötig, denn der eigentliche Psychedelic Rock-Ansatz mit hohem Gniedelfaktor verkam schnell zu Drum`n`Bass, als das Verstärker-Topteil des Gitarristen durchrauchte und einen fassungslosen Saitenzwirbler zurückließ. Auch wenn der Rest der Band konsequent ihre Bühnenshow durchzog, was ihr zusehens Sympathie brachte, kostete der Fauxpas den toxischen Kaffeefahrern doch einiges an Duchrsetzungesvermögen. Das Publikum machte sich jedoch nichts daraus und bewies wieder einmal die soziale Komponente von Rockmusik: Stagediving trotz halbvoller Hütte? Kein Problem. Das ergab auch gleich den Kuschelfaktor.

SYNTAX RAH machten als Kontrahenten auf Powerpoint-Präsentator und wollten mit Einblendungen von Bandemblem und Bandmitgliedern so gleich klarstellen, besser als die Vorgänger zu sein. Die Vertreter der altägyptischen Zeichenlehre entpuppten sich jedoch allzu schnell als nicht wahre musikalische Grammatikfreunde und reichten unausgereiften Alternative Metal mit Emoschnörkeln, der noch weit in den Kinderschuhen steckte. Wann war das eigentlich plötzlich in, dass Rockbands im Konfirmandenhemd und Schlips auftreten? Waren da The Hives Outfit-Paten oder haben sich das alle von der Faith No More-Abschiedstour abgekupfert? Trotz halbwegs straightem Shouter im Justus Jonas-Look (Der muss mir unbedingt seinen Optiker verraten! Wahnsinn, dass die immer richtig saß.) beherrschte weitestgehend dumpfer Soundbrei die Bühne, den vereinzelt Besucher sogar gelangweilt mit Spontan-Sit-in abstraften. Das hatte Aussagekraft. Die Bühnenpräsenz jedenfalls blieb bei allem Bemühen noch recht verhalten, was sich auch auf das Publikum auswirkte. Pogo wurde plötzlich zum noch lächerlicheren Leistungssport, da die wenigen Sprungfedern erst eine Langstrecke bewältigen mussten, um Reibungspunkte, ergo des anderen Schulter zu erreichen. Da ging die geplante Coolness schnell flöten.

POLKA DOTS WE´RE DANCING sahen bereits aus wie der Starschnitt der Neo-80ies und spielten deshalb auch: Indierock, war klar. Wo viele Indiebands jedoch scheitern, nämlich dem ausgenudelten Genre noch etwas Eigenes abzugewinnen und speziell als deutsche Indieband nicht nur wie eine weitere austauschbare Blaupause einer beliebigen „The“-Band aus England zu klingen,  überzeugten die Polka Punkte. Ich fragte mich manchmal nur, wie die auf den Namen kommen: Polka Punkte Wir tanzen gerade? Ah ja.

CRUNCH mögen zwar namentlich auch eher wie eine neue Frühstücksflocken-Marke klingen, stellten aber bereits durch ihre theatralische Eingangsszenerie klar, dass sich über die Bühnenpose weithin länger Gedanken gemacht wurden. Gehört sicherlich auch zum geplanten Image, schließlich gab`s nun Dicke-Eier-Rock auf die Ohren, der mal nach Post-Grunge à la Puddle of Mudd, mal nach Alternative Metal a la Staind oder Creed linste. Nur echt mit der PRS Mark Tremonti Signature Gitarre,  man gönnt sich ja sonst nichts. Songs wie „Groupieliebe“ verkamen zwar schnell zur Farce und inkarnierten Rockpose, den Fans jedoch gefiel es. Für die Jury war es einhellig schon fast ein Pluspunkt, dass die Gniedelfraktion dann bei aller Konsequenz auf die ultimative Rockpose (mit einem Fuß auf dem Monitor) verzichtet hatte. Kerry Kings einstiger Geistesblitz „If I stand in front of my rig, if my nuts ain’t shaking then I ain’t satisfied.“ wurde von Crunch scheinbar ebenso aufgesogen und zum Leitspruch erhoben wie einen Teil seiner angekratzten Bühnenglaubwürdigkeit durch Sätze wie „An all die Ladys in der Croud“ peinlich zu internationalisieren. Peter Ramsauer hätte seinen Spaß gehabt. Abgerundet durch eine abschließende Akustiknummer, um zu zeigen, dass die Harten auch die Zarten sein können, schloss sich der Kreis um unsere abendlichen Akteure.

Und während der Hauptact LEYAN zwanghaft versuchte, durch sonoren Artrock das Restpublikum zu halten, wurde im Backstage-Bereich ausgeknobelt und ausgezählt, wer den Jurypreis bzw. den Publikumspreis überreicht bekäme. Relativ eindeutig gingen Crunch als Sieger aus dem Rennen und staubten gleich beide Preise ab. Hätte mich nur noch interessiert, ob Schrag den Jungs beim samstäglichen Band-Coaching noch mal eingetrichtert hat, dass weniger manchmal auch mehr ist. Zu hoffen wär`s.

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