Mogwai im Huxley`s

Die schottischen Postrocker MOGWAI live zu sehen, offenbart – wie gestern veranschaulicht – mehrere Möglichkeiten des Zelebrierens. Dankenswerterweise bestand unsere Konzert-lauschergruppe aus drei Personen, deren Wahrnehmung an Emotionen kaum hätte unterschiedlicher sein können, sodass wir hier einmal alle Wahrnehmungen austesten konnten. Hier also nun quasi  zum Versuchsaufbau:

Probant #1: kannte Mogwai, wusste, worauf er sich einlässt und war daher hellauf begeistert, was er durch wohlwollendes Nicken im Takt zum Ausdruck brachte.

Probant #2: kannte Mogwai vom Hörensagen, wusste ungefähr, was die so für Mucke machen, ließ sich nach mehreren Songs dann doch darauf ein und dadurch mitreißen. So ganz überzeugt war er aber dennoch nicht.

Probant #3: war unter Vortäuschung der falschen wie schwammigen Aussage, Mogwai würden „Schrammelrock“ spielen, mitgekommen und sichtlich enttäuscht, weil er nicht mit dieser Musik gerechnet hatte. Er hat Action erwartet und nippte daher gelangweilt am Bier, in der Hoffnung,  dass das helfen möge.

Doch genauer: Mogwai spielen Postrock, der bekanntlich eine sphärische Wand von Tönen aufschichtet, die Spieler wie Zuhörer fast in Trancezustände versetzen, höchstens begleitet von Gemütsbekundungen und zustimmenden Gesten wie Nicken, Wippen oder Schunkeln. Meist sind Auftritte daher auch begleitet von allerlei Brimborium wie Filmimpressionen, die scheinbar das Publikum multisensual bei der Stange halten sollen. Das ist oft auch nötig, denn mal ehrlich: Tanzen, Pogo, Stagediving und Croudsurfing? Fehlanzeige, kannst Du bei solcher Musik vergessen.

Für Fans des illustren Musik-Nerdtums, die sich neben dem Nicken auch gern der Technikanalyse hingeben, aber durchaus eine in Kauf zu nehmende Bürde. Schließlich kann man nebenbei die Technikfrickeleien der Jungs aus Glasgow begutachten. Die heißen Fragen des Abends werden diskutiert: Spielt der ne Moog mit angeschlossener Talkbox? Wieviel Effektgeräte benutzen die Gitarristen bzw. was für welche? Auf Echo und Chorus scheinen die Schotten jedenfalls zu fliegen.

Im gezeigten Naturfilm, in dem ein Radfahrer durch die Pampa düste, passte das ganz gut. Bäume rauschten vorbei, fast meinte man, die Blätter berühren zu können. Komplettiert hätte diesen wabernden Filmmusikteppich nur noch, wenn sich der Radfahrer plötzlich umgedreht und uns eine Figur aus Hunter S. Thompsons genialischen Gonzo-Acid-Fantasien entgegen gegreint hätte. So blieb uns nur dieses Gehirnjogging. Szenenwechsel. Die Töne standen, ein Nebel aus Rückkopplungen und langgezogenen verspielten Arpeggien durchschritt den Raum. Musik, bei der man Space Invaders zocken möchte. Das hätte auch zu der plötzlichen Commodore 64-Bühnendarbietung gepasst. Doch wo blieben die Controller für jedermann?

Allgemein: Unterwegssein, ohne Ziel, der Weg allein zählt, hätte sicher jetzt nicht nur die Message von Buddha gelautet, sondern auch die der Schotten, die, selbstversunken in ihren Klangkaskaden die Bühnenperformance vergaßen, hin zum: Wir sind Künstler, keine Rock`n`Roll-Band! Das mag auch stimmen, ist ja schließlich auch Definitionssache. Das Rockmusik in gewisser Hinsicht aber immer auch ein performativer Akt bleibt, wurde hier zum Teil stark vernachlässigt. Das nahm teils Züge an, als würde man zusehen, wie ein Blätterteig Schicht um Schicht im Ofen anwächst. Das kann interessant sein, ist es aber eher selten. Wer sich also dabei ertappt, auch gern dem heimischen Frontlader bei der Buntwäsche zuzusehen: Du bist das Publikum!

Kyuss Lives! in der C-Halle

Stuckrad-Barres Ausspruch „Auf der Bühne sterben, ist okay. Aber bitte nicht siechen!“ kommt mir oft in den Sinn, wenn ich das Wort Reunion höre.

Okay, KYUSS, die wegweisenden Wüstenrocker sind nicht die Stones oder Led Zeppelin, aber der Gedanke kommt doch. Der Trend, dass Rock-Väter sich wiedervereinen, scheint ungebrochen. Reunions oder auch kurzfristige Zusammenfindungen von musikalischen Urgesteinen sind längst zum gängigen Mittel geworden, um an die „good ol` days“ anzuknüpfen oder kurz und knackig Kasse zu machen. Meist wird das sogar pointiert angekündigt mit der Begründung, rein aus Spaß an der Sache und aus alter Freundschaft zu den Bandkollegen und der Liebe der Musik der gut bezahlten Nostalgie zu frönen. Faith No More taten dies letztjährig sogar mit dem Zugeständnis, nur Faith No More 2.0 zu sein. Eine Konsequenz, die beispielsweise Altgrunger wie Soundgarden nicht ziehen, sondern wieder vereint den Nostalgiewahn so weit ausreizen, an den guten alten Sound von 1994 anknüpfen zu wollen. Doch braucht es das, das Vakuumsiegel der Neunziger 2011 wieder aufzubrechen? Jetzt mal bei aller Heldenverehrung.

Bei Kyuss zumindest, die sich nun ähnlich wie Faith No More einzig für Konzerttouren zusammentun (bis auf Josh Homme sind alle im Boot), mag das glücken. Letztjährige Garcia plays Kyuss-Tour mit niederländischer Backingband hatte ja bereits für ausverkaufte Hallen gesorgt, nun sorgte neuerliches Kyuss Lives!-Projekt für weiteres Helau bei allen Bart- und Kuttenträgern. Demnach Reanimation erfolgreich, Patient lebt. Kyuss Lives! im Genaueren (nur echt mit Ausrufezeichen).

Bevor die Wüstenrocker aber den Sand aus den Ohren pulten, gaben sich die Hamburger BURDEN die Ehre, mit ihrer Stoner-Kapelle als erste Anheizer aufzuspielen. Der Metal Hammer überschlug sich gar bei deren Debütalbum und bewarb es mit Sätzen wie „Without any doubt burden have a claim for uniqueness!“. Naja, soweit würde ich mich jetzt nicht aus dem Fenster lehnen, höchstens erwähnen, dass das brachial wie genialer Stonerrock vom Feinsten war. Manko aber bleibt, dass Burden bis in die Details vereinzelt wie ein Down-Klon wirkten. Das ist zwar immer noch eine Referenz, bei der man bedächtig den Hut zieht, Einfallsreichtum und die vom Metal Hammer bemerkte Einzigartigkeit klingen aber anders. Dennoch, sympathisch wirkten die Hamburger in jedem Fall. Vor allem dadurch, dass man ihnen sichtlich anmerkte, dass sie das erste Mal vor so großem Publikum standen, von den Musikurgesteinen im Backstage-Bereich ganz zu schweigen.

Die Tontechniker meinten es selbst nach Burdens letztem Song noch richtig gut mit mir und spielten zur Umbaupause das halbe „King for a day … fool for a lifetime“-Album von Faith No More. Die zweite Vorband mochte mich dann leider nicht mehr. Das beruhte aber auf Gegenseitigkeit. WAXY, die offizielle Kyuss-Tourvorband bewies ein Gespür für vor allem zwei Dinge: 1. trotz guter Technik und Vorab-Soundcheck madig zu klingen. 2. Einen Keyboarder in eine Stonerformation zu holen, der in der Band visuell wie musikalisch nur noch einen der Amigos oder Flippers hätte deplatzierter wirken lassen. Nach schlechtem Start gewannen die Kalifornier aber etwas an Format und schlugen in etwa in die Kerbe zwischen Arms of the Sun und Eagles of Death Metal. Gerecht wurden sie aber auch diesen Vergleichen nicht wirklich. Ganz ehrlich: Kyuss hätten gut daran getan, stattdessen Burden mit auf Welttournee zu nehmen. Waxy scheinen aber bereits im illustren Kreise der Wüstenrocker aufgenommen, hoben John Garcia (Kyuss) oder Jesse Hughes (Eagles of Death Metal) schon deren letztes Album in eine höhere Gewichtsklasse.

Was soll`s, Unmut runtergeschluckt und nach vorne gesehen, denn da bot sich bereits ein Schauspiel, das alles vergessen machte. Halbgefüllte Bierbecher flogen ab den ersten Kyuss-Tönen durch die Reihen und hüllten die schwitzende Menge in reichhaltigen Bierregen. Vereinzelt landeten ein paar gezieltere Würfe auf der Bühne und sorgten für Roadies, die emsig wie Balljungen beim Tennis-Grand Slam über die Bretter flitzten. Pfandsammler hätten an diesem Abend glänzende Augen bekommen. Der Gruß der Stunde, die zweizinkige Pommesgabel, allerorts in einer wabernden Masse voller Headbanger und Croudsurfer. Jeder Song ein Treffer, ein textsichereres Publikum hat man selten gesehen. Schweißgebadete Rock-Glückseligkeit, von meinem schwankenden Konzertnachbar von der Waterkant am Ende des musikalischen Marathons treffend zusammengefasst mit: „So geil, Alder! Bin extra von Lübeck hierher. Oh Mann, so breit war ich auch schon lange nicht mehr.“ Da gibt`s eigentlich nichts hinzuzufügen.

Ringelpiez mit Darwin Deez

DARWIN DEEZ, das ist dieser asthenische Schnurrbartträger mit zu großem Pullover und engen Röhrenjeans, der sich 2010 zu einem Geheimtipp, Newcomer des Jahres und Wegbereiter neuen Modeanspruchs aufschwang.

(Der Humana-Look ist zwar schon lange in, jetzt, wo er medial ausgerufen wurde, auch endlich offiziell.)

Was den Lockenkopf so sympathisch macht, lässt sich sicherlich mit den Worten Schlichtheit oder Ehrlichkeit beschreiben. Er macht: einfachsten Indiefolk, auch noch über Jahre hinweg am ollen PC im heimischen New Yorker Apartment selbstproduziert. Das gibt auch gleich den nötigen Anstrich von „Das könnte ich vielleicht auch“. Das macht uns Brillenträgern nach Rivers Cuomo (Weezer) erneut Mut, uns auch mit maulwurfartiger Blindheit doch noch zum Rocker und Star der jungen Kreativen aufschwingen zu können. In seiner beschwingten Art hatte der Meister der Lässigkeit gerufen und es kamen gleich so viele seinem Ruf nach, dass der Auftritt vom Lido in das Astra Kulturhaus verlegt wurde. Auch hier war die Hütte annähernd voll, ein Potpourri aus Jung und Alt, Indiepoppern und jungen Hipstern im Tina Turner „Jenseits der Donnerkuppel“-Look.

Vor dem Grinsemann aus New York gab sich aber erst TOTALLY ENORMOUS EXTINCT DINOSAUR die Ehre des Anheizens. Auf der Astra-Internetseite wurde zuvor bereits dubios Stimmung erzeugt ob des zweifelhaft eindeutigen Acts, der da am Plattenteller stand. Schon zu Beginn wurde auch reichhaltig vom Bombast gekostet, die Massen mit Konfetti und Laserbrimborium zum Jubeln gebracht. Auch um darüber hinwegzutäuschen, dass der Chef-Dinosaurier nicht gerade das Rad neu erfunden hat. Eher wurde hier ein britischer Electrokünstler zum Geheimtipp aufgeblasen, der in der Vintage-Welle mitschwimmt und letztendlich klingt, wie Marusha vor über 15 Jahren. Trotz allem FlatEric-Genicke und Bedienen aus Jamiroquais Hutlager bleiben die total enorm ausgestorbenen Dickhäuter (Gibt es da überhaupt einen Superlativ? Ausgestorben ist ausgestorben, oder?) vor allem eines: uninspiriert und als neuer Hype mit dem Muff von gestern eindeutig Jahrzehnte zu spät. Da konnte auch Konfettiregen nichts mehr ausrichten.

Nach einer stark ermüdenden Umbaupause (Warum brauchen Indiefolk-Bands immer so lange? Jetzt mal ehrlich: Ich meine, die brauchen doch kaum Equipment.) ging es los mit wohlig weichem Schunkelpop aus dem Deez-Lager, der den Frühling einläuten sollte. Mit warmem Marshmellow-Bauchgefühl gaben die vier Deezes „Up in the clouds“ zum Besten und verschossen dadurch vorzeitig gleich viel Pulver, das ihnen allzu bald nahezu auszugehen schien. Ausgleichende Zwischenparts mit witzelnden Tanzeinlagen und Mash-up-Mix zwischen Oldschool Hip Hop, Prince, Spice Girls und RATM konnten kaum über das Manko an Umsetzungskraft hinwegtäuschen. Paul Simon`s „You can call me Al“ einzig konnte hier punkten. Fragt sich nur, wer die olle Kamelle noch kennt? Kurz vor dem Schunkel- und Einschlafkollaps rettete „Radar Detector“ als Abschluss den Konzertabend und gab mit der Zugabe „Constellations“ der Masse an Besuchern, wofür sie so zahlreich gekommen waren.

Abschließend lässt sich also festhalten, dass Deez mit seinen Songs zwar viele erreichen mag, er live jedoch auch musikalisch recht schwach auf der Brust wirkt aufgrund des „Kennste einen Song, kennste alle“-Dilemmas.