Die Hot Animal Machine wird 50

Wie sang einst Neil Young: „It`s better to burn out than to fade away.“ Übertragen auf das Punkdasein mit all seinen Facetten ergibt sich daraus eine ähnliche Bredouille. Als Punk glaubwürdig zu altern, ohne seine Überzeugungen aufzugeben, geht das? Es scheint jedenfalls nicht leicht zu sein und geht manchmal nur auf dem Wege der Lächerlichkeit oder mithilfe eines Anstrichs, weltmännisch über den Dingen zu stehen. Denn selten wird aus dem jugendlichen Heißsporn durch gereiftes Umdenken ein Altpunk, der vor der nachrückenden Generation noch besteht und nicht verlacht wird mit dem Vermerk, sich verkauft zu haben. Ein Vorwurf, der in der Musikwelt ja generell eine beliebte Keule ist.

Kandidaten dafür gibt es genug: Etwa John Lydon – ehemals Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols -, der sogar so tief sank, 2004 beim englischen „Dschungelcamp“ mitzumachen. Oder Eric Reed Boucher, besser bekannt als Jello Biafra, einst alles überstrahlender Bühnenderwisch der Hardcore-Punk-Mitbegründer Dead Kennedys und politischer Aktivist, der heutzutage bei Auftritten oftmals über platte politische Allgemeinplätze nicht hinauskommt und in altbewährter Attitüde eher den peinlichen Punkopa mit Anlass zum Fremdschämen gibt.

Fern all dessen und als Inbegriff und Widerspruch der Szene zugleich stand schon immer: Henry Rollins. Er war stets eine der paradoxen Galionsfiguren des Punk: Exzessiv und enthaltsam. Einerseits war er der Frontmann wegweisender Bands wie Black Flag oder nachfolgender Rollins Band und verdiente aufgrund seiner aggressiven Bühnendarbietung zu Recht den Namen „Rampensau“. Zugleich gab er auch den wortgewaltigen Grübler mit Weltgeistanspruch und einer Vorliebe für Jazz. Rollins verband Intellektualität und Aggressivität des Genres, ohne sich der fast schon konventionalisierten Selbstzerstörung hinzugeben. Im Gegenteil: Der Hobby-Bodybuilder war zwar seit den 80er Jahren mit Black Flag Mitbegründer der Hardcore-Szene um Los Angeles, aber vor allem auch für seine strikte Ablehnung von Tabak, Drogen und Alkohol bekannt.

Und für seine wachsende Liebe zur Musik Duke Ellingtons, der Rollins zunehmend durch Spoken Word-Performances und musikalische Jazz-Fusion Tribut zollte. Mit dieser Vorliebe wuchs scheinbar auch das eigene Mitteilungsbedürfnis als Chronist der Rastlosigkeit und des Willens, sich der Engstirnigkeit des Genres zu entziehen. Noch heute erscheint fast jährlich ein Buch von ihm – inzwischen im eigenen Verlag 2.13.61 – in welchem, von Selbstzweifel und bösem Sarkasmus geprägt, Rollins seine Rolle als einsamer Wolf festigt. „Ich denke, die ganzen Obdachlosen von L.A. sollten bei Bruce Springsteen an der Haustür klingeln und fragen, ob sie mal das Klo benutzen können.“ Mit gnadenloser Ehrlichkeit ohne jegliche Scheu und Moralfilter hält er der Gesellschaft den Spiegel vor, enttarnt falsche Freundlichkeit und PR-trächtiges Samaritertum.

Zum Teil wirken seine Aufzeichnungen  und Spoken Word-Tourneen heute wie eine Art Selbsttherapie, die sein von den Medien geschaffenes düsteres Machoimage pflegen wie demontieren. Rollins war sich der Lächerlichkeit seines Alter Egos stets bewusst und untergräbt es auch heute noch gezielt. Was zurückbleibt, ist ein fünfzigjähriger Zyniker, hoch politisch, der witzig und unverblümt Defizite seiner Zeit benennt. „Die Wahrheit scheucht die Leute weg von mir. Hält mein Haus leer. Die Wahrheit ist simpel. Und nicht sehr beliebt in diesen Breiten.“ Gut, dass er sie dennoch weiterhin mit uns teilen mag. In diesem Sinne: Alles Gute zum 50.!

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