Gogol Bordello im Huxley`s

Gogol Bordello sind das  Gute-Laune-Flakgeschütz des Gypsy Punk. Hatte ich zumindest vorab gehört. Als alter Latino- und Gypsyrock-Liebhaber und Freund jeglichen „Ay, Carambas“ wollte ich mir die Combo natürlich nicht entgehen lassen und den markanten Ruf mal  so richtig investigativ auf Herz und Nieren prüfen. Wer schon kumpelhaft Altmeister Manu Chao den Glanz in die Augen treibt, muss schließlich Überzeugungskraft besitzen. Naja, und Madonna findet trotz Esoterik-, Disco-  oder Cowgirl-Schizophrenie bis zur Persönlichkeitsauflösung wenigstens in Sachen Musikgeschmack hin und wieder auch  mal ein gutes Korn – schließlich ließ sie sich mehrfach bei Shows von Fronter Eugene Hütz begleiten.

Schon vorab in der U8 Richtung Hermannstraße stieg meine Laune. Die beiden Straßenmusiker in der U-Bahn schienen zu ahnen, wo ich heute hin will – Klar, mein Ich-zentrierter Mikrokosmos, meine Regeln! – und stimmten einen Uptempo-Song nach dem anderen an.

Gogol Bordello hatten am Donnerstag ins Huxley`s geladen. Dort angekommen, blieb jedoch die Besucherzahl auch nach Konzertbeginn  überschaubar. „Ausverkauft ist anders!“ dachte ich gleich und kam gerade rechtzeitig, um den vorzeitigen Brillianten des Abends zu erleben: DeVotchKa aus Denver. Mit ihrer Mischung aus Gypsy Swing, Indie Folk, Rock und Polka sorgten sie nach wenigen Minuten im Publikum für seelige, aber fragende Gesichter: „Warum sind DIE eine Vorband?“. Mal sphärisch wie Muse, mal melancholisch wie Yann Tiersen bauten die Vier eine Intensität auf, die man fast schneiden konnte. Immer wieder tauchten Bilder vor meinem inneren Auge auf, bei der eine verkorkste Familie einem gelben VW T2 hinterher läuft (DeVotchKa schrieben die Filmmusik zu „Little Miss Sunshine“). Fast hypnotisch schunkelten die Umstehenden bei jeder Ballade mit oder starrten bei Loopstation-Soundkaskaden gebannt auf die Bühne. So einen Auftritt nenne ich groß.  Wer seinen Künstleranspruch dann noch durch ein Theremin-Solo untermauert: Ganz groß sogar! Um so trauriger, dass die Supportband selten die Chance für eine Zugabe erhält.

Gogol Bordello, der hyperaktive Neuner aus New York setzte nach DeVotchKas Abgang dann alles daran, dem eigenen Ruf gerecht zu werden. Nach zwei Songs bereute ich bereits, meinen Pullover nicht mit abgegeben zu haben und verteidigte im ansetzenden Ethno-Pogo meine Brillengläser. Besonderes Gimmick hierbei: Setzen alle, auch Grobmotoriker und Synkopen-Klatscher wie ich, im Huxley`s simultan zum gesprungenen Presslufthammer an, gibt der Dielenfußboden nach, sodass man sich ähnlich schwerelos fühlt wie beim Sprungbrett damals im Turnunterricht.

Soundtechnisch scheinbar anstrengender als ein Jump-N-Run-Spiel – Gogol Bordello haben drei Sänger – kam wohl auch der Techniker ordentlich ins Schwitzen und verpennte so manchen Zwischenpart. Nichts wirkt skurriler, als wenn sich Frontmänner brachial in Pose werfen und die Stimme dank Soundmann versagt.

Insgesamt waren die Gypsy Punker wie versprochen einfach Kult und Garant für schweißgetränkte, salzkrustige T-Shirts in Massenproduktion. Sänger Eugene Hütz brachte mich durch seinen leichten Borat-Akzent immer wieder zum schmunzeln und dem massigen Schlagzeuger im Kilt dankte ich dafür, dass er kein echter Schotte war. Und während der Leuchtturm auf der Bühne schonmal den Heimweg illuminierte, sagte beim Rausgehen jemand zusammenfassend: „Ey, hast Du die ganzen Leute gesehen? Hast Du gesehen, wie glücklich die sind?“ Recht hatte er. Der Rausschmeißer-Song – Johnny Cashs „Ghostriders in the Sky“, gemeinsam mit DeVotchKa gecovert – klingelt mir noch heute im Ohr.

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